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Do., 24. Jun. 2021, 00:00
Sommerferien
Schüler gründen Parteien

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Demokratie verstehen in Rerik: Diese Parteien würden Schüler gründen.

- Ein Bericht von Herrn Amberger, Redakteur der Ostseezeitung.
- Ein großer Dank gilt unserer Lehrerin Frau Stolz und auch dem zweiten beteiligten Lehrer, Erik Pfotenhauer, der an Idee und Umsetzung dieses Unterrichtsprojektes maßgeblich beteiligt war.

Schüler der Freien Schule in Rerik gründen in einem Projekt Parteien und verteidigen ihre Programme. Dabei ist gut zu sehen, was jungen Leuten wirklich wichtig ist – von Gleichberechtigung, über Klimaschutz und Frieden bis zur ökologischen Landwirtschaft.

Rerik. Was für Parteien würden junge Leute gründen? Was für ein Programm wäre ihnen wichtig, worauf legen sie Wert? Wofür wollen sie sich engagieren? Antworten gab es bei einem Projekttag der Freien Schule in Rerik. Schüler der 9. und 10. Klasse gründeten fiktive Parteien nach ihren Vorstellungen. Und mussten ihre Ansichten und Versprechen darlegen und verteidigen.

Interessant sind allein schon die Namensgebungen der Parteien. VIP-Partei. Hat das etwas mit den very important Personen zu tun? „Nein“, sagt Schüler Toni Junge, „die VIP-Partei ist die Verkehrs-Infrastruktur-Partei.“ Es geht um autofreie Innenstädte, übertunnelte Straßen, mehr Grünflächen, weniger Lärm und Abgase, den Ausbau des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs und sicheres Internet. „Unsere Ausrichtung ist links“, sagt Klassenkamerad Janik Färber.

Es gibt Die Türkis-Partei (DTP), die Campus-Partei oder die Deutsche Luftreiniger-Partei, auch die Partei der Friedensstifter (FNS). „Wir wollen für Gleichberechtigung sorgen, das heißt: Egal ob jung oder alt, eingeschränkt im Alltag, schwarz oder weiß, behindert oder nicht, wir wollen Gleichberechtigung! Motto: Gerechtigkeit hat Vorrang. Bitte wählt uns!“, sagt Adina Barkowski (15).

Fürs Klima: Keine Flugzeuge, kein Internet

Dann die White-Peace-Partei. Warum geben die Schüler ihrer Partei einen englischen Namen? „Weil alle angesprochen werden sollen“, antwortet Henry Meyer (15). Denn überall würden die Temperaturen steigen und das Wasser knapper werden. Alle seien betroffen durch klimatische Veränderungen. Deshalb plädieren die White-Peace-Wahlkämpfer unter anderem dafür, dass keine Flugzeuge mehr starten oder dass es nur noch Bücher geben soll, weil Handys, Computer und Internet zu viele Ressourcen der Erde vernichteten.

„Wir beobachten, dass viele Menschen auf kaum etwas verzichten wollen“, sagt Marie Reichwald (15). Es komme darauf an, mehr E-Autos auf die Straßen zu bekommen und die Erzeugung von Windenergie voranzutreiben, außerdem sei man gegen Tierversuche und gegen unnötige Müllmassen.

Eine Partei, die alles besser macht

Die Sozialkunde-Lehrerin Kristina Stolz hat das Projekt angestoßen. „Das Thema ist das politische System der BRD – und das wollten wir uns über dieses Projekt erschließen“, erklärt sie den Hintergrund der Geschichte. Und da es viel Kritik am politischen System gebe, stand die Aufgabe: Gründet eine Partei, die alles besser macht als die Bestehenden. Vier Stunden Vorbereitung standen zur Verfügung.

So wurde unter anderem die Partei Der Gesunde Deutsche (DGD) gegründet. Sie steht für Gesundheit, Gerechtigkeit und Frieden. Yasmin Miyigit (16) und ihre Mitstreiter wollen die Wehrpflicht für Männer und Frauen. „Die Polizei muss mehr unterstützt werden, Rassismus härter bestraft und Konflikte mit anderen Ländern beendet werden“, vertritt sie ihre Truppe. Die Rente soll mit der DGD-Partei erhöht werden, Cannabis legalisiert und das Gesundheitswesen mehr Geld erhalten. „Arme Menschen sollten besser unterstützt werden und für Obdachlose müssen mehr Anlaufstellen geschaffen werden.“

„Demokratische Teenager“ wollen gleiche Lehrpläne

Die DDT, die Deutschen Demokratischen Teenager, haben andere Schwerpunkte: „Schüler sollen sich wohlfühlen und gern zur Schule gehen. Schule und Freizeitaktivitäten werden verknüpft. Schüler müssen sich sozial engagieren. Arbeitslose können bezahlte Hilfsarbeiten machen. Schule digitalisieren. Schule bundesweit gleichschalten“, zitiert Fiete Gottwald aus dem DDT-Programm.

Für Jana Haak vom Vorstand des MV-Regionalverbandes der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik ist das, was in Rerik gemacht wurde, großartig. „Dass junge Leute sich auf diese Weise mit den Strukturen vertraut machen, dass sie sich einbringen und lernen, andere Meinungen zu akzeptieren, ist toll“, sagt die 39-Jährige aus Parchim, wo sie SPD-Fraktionsvorsitzende der Stadtvertretung ist.

Der Neue Deutsche Bund (NDB) will den linken und rechten Radikalismus bekämpfen, das Internet ausbauen und die Bundeswehr mehr ins Ausland zu Friedensmissionen schicken.

Die Deutsche Links Liberale Partei (DLLP) möchte die Wirtschaft mit Hilfe moderner Technologien vorantreiben, ökologische Landwirtschaft durchsetzen und Massentierhaltung abschaffen.

Der Fortschrittbildungspartei (FBP) geht es um Digitalisierung der Schulen, mehr Toleranz, mehr Sicherheit und bessere Förderung an den Häusern, was durch Spenden und an Gehälter orientiertes Schulgeld finanziert werden soll.

Vorteil: Die Leichtigkeit der Jugend

Die Leichtigkeit, wie die Schüler Probleme benennen und wie einfach sie denken, macht Jana Haak zuversichtlich. „Die jungen Leute sind noch nicht gefangen in Strukturen und können so weiter denken als Ältere und mitmischen“, sagt sie. Es sei wichtig, dass die Schüler Druck machen, etwa wenn es um klimapolitische Fragen gehe. Für die Lehrerin der Schüler, Kristina Stolz, geht es um Vertrauen: „Vielleicht sind die jungen Leute jetzt vertrauter mit demokratischen Strukturen und vertrauen nun gleichzeitig mehr ihrem Land.“